14.05.20

Farbe und die Kunst des Loslassens



Gestern hatte ich endlich die beiden Farbkreise aus den warmen und den kühlen Javana Seidenmalfarben gemischt und aufgetragen. Dann hatte ich noch kleinere Farbreste auf der Palette, die ich nicht einfach wegwerden wollte. Und begann ein bisschen zu mischen, ein bisschen zu malen, ein bisschen... ja loszulassen. Ws in dieser schwierigen Zeiten nicht immer einfach ist.
Was mich besonders überrascht und fasziniert hat, war also der entspannende Effekt, den das einfache Aufpinseln von Farbe ohne Anspruch, ohne Ziel auf mich hatte.

Es begann beim intuitiven Mischen: wieviel von der zweiten Farbe muss ich in die Mischung geben, damit sich ein Unterschied einstellt? Oder bei den Farbfeldern : ein biischen von jener Mischung, ein biischen von dieser Grundfarbe, ein Tupfer von diesem... WOW... was für ein interessanter Farbton!
Dann das Fließen der Farbe vom Pinsel, der langsame Auftrag, das Staunen über die Brillanz... später das Schichten der einen Farbe über die anderen.
Für mich war diese entspannte Konzentration, dieser Flow, beim Aquarellieren besonders zu spüren, mehr als bei anderen Techniken.

Mein Bruder und ich hatten uns dann darüber unterhalten.
Fritz machte mich auf einen Artikel aufmerksam, den er in der PSYCHOLOGIE HEUTE* ("Yoga, Meditation, Achtsamkeit", 2020, Compact Heft 60, Seite 26) gefunden hatte: ein Interview mit dem australischen Psychologen Stan Rodski über die entspannende Wirkung, die ein Hohhy (besser gesagt: das richtige Hobby) haben kann.
Faszinierend: In einer Untersuchung fand Stan Rodski, dass Menschen innerhalb weniger Minuten beim einfachen Ausmalen den neuronalen Zustand erreichen, den viele nicht einmal nach einer halben Stunde Yoga oder Meditation gespürt haben. Und das ganz ohne Mühe.
Die Bemerkung oben -es muss das richtige Hobby sein- bezieht sich darauf, dass man natürlich Freude an der Farbe und am Ausmalen haben muss, wenn man diesen Zustand des entspannten Loslassens erreichen möchte. Wem das kindisch erscheint und sich deshalb sträubt, bei dem kann das eher gegenteilige Effekte haben. Dann sucht man einfach das Richtige: Manche finden den Flow beim Arbeiten im Garten, andere beim Reparieren von Autos.

Bei mir war es das absichtslose Mischen und Fließenlassen der Farbe, das Genießen des Tuns, das gebießen der Farben. Ganz ohne besonderes Ziel, einfach nur so... ich glaube, das muss man sich einfach immer wieder mal gönnen.
Netter Nebeneffekt: man lernt unglaublich viel über das Mischen von Farben.

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* Ja, das ist Werbung für das oben genannte Heft: unbezahlt, unaufgefordert, Heft selbst gekauft.