02.11.14

Stoffspielerei Löcher: Einführung in das Ausbrennen


Viscose/Seidensatin: Paste wurde mit Pinsel und Liner aufgetragen.




Die paradox wirkenden Frage von KAZE: "...applizierte Löcher (geht das überhaupt?)..." hat mich zu den "halben" Löchern der Devoré-Technik geführt (man kann damit natürlich auch "ganze" Löcher arbeiten, die den Stoff völlig durchbrechen, aber die "halben" sind die bekannteren).
Man kennt die fertig ausgebrannten Musterstoffe, die oft als Schal angeboten werden. Dass man so etwas auch selbst machen kann, ist weniger bekannt. Vor allem Kunstakademien und Modeschulen waren in den letzten Jahren unsere Kunden für diese Technik.
Die Devorémuster werden nicht mechanisch hergestellt, sondern man verwendet die Chemikalie Natriumhydrogensulfat, die Cellulosefasern (z.B. Baumwolle, Viscose, Leinen) wegätzt, während sie Proteinfasern (wie Seide) nicht angreift. Von der Farbenfirma Dupont gibt es ein Set, das aus dem chemischen Salz und einem Verdicker besteht. 
Der Ablauf des Ausbrennens ist simpel: man mischt die Paste selbst an und trägt sie auf (oft durch Siebdruck oder mit Pinsel oder Liner). Das getrocknete Muster wird gebügelt, wodurch die chemische Reaktion eintritt und die Viscose angegriffen wird (die Fasern bröseln ab). Wegen der entstehenden Dämpfe sollte man das Ausbügeln möglichst im Freien mit Maske durchführen.
Damit dieser Artikel nicht zu lange wird, stelle ich die genaue Anleitung morgen hier in den Blog.

GEEIGNETE STOFFE
Devorés werden in der Regel auf einem speziellen Doppelgewebe durchgeführt: die Vorderseite besteht aus der ätzbaren Pflanzenfaser (meist Viscosesatin oder Viscosesamt), die Rückseite besteht aus der stabilen Seide, die durch die Ätzpaste nicht angegriffen wird. Dadurch bleibt der Stoff stabil - es bilden sich nur die "halben" Löcher.
Am gebräuchlichsten ist der sogenannte Seidensamt (der Flor besteht aus Viscose, der Rücken aus Seide) und der Viscose/Seidensatin (die glänzende Satinseite besteht aus Viscose, die matte Rückseite aus Seide). Die "halben" Löcher sind also auf der Vorderseite zu sehen, die Rückseite ist durchgehend.
Arbeitet man mit reinen Pflanzenfasern, bekommt man "ganze Löcher", aber meine Versuche damit waren nicht besonders erfolgreich. Schön abgegrenzte Muster habe ich nicht erhalten. Möglicherweise lag das am Verdicker, der nicht pastos genug eingestellt ist.

Experiment: Selbst durch Nähen hergestelltes "Doppelgewebe
Das Verfahren lädt zum Experimentieren ein: Interessant wird es mit Stoffen, die deren Kette aus Baumwolle und deren Schuss aus Seide (oder umgekehrt) bestehen. Geht man mit der Ausbrennpaste auf solch einen Stoff, bleibt ein Gitter bestehen (siehe Abbildung links).
Drucke mit Pigmentfarben wie Dekaprint reservieren, d.h. die Ausbrennpaste arbeitet nur um den Druck herum und das gedruckte Motiv bleibt auf dem Stoffgitter stehen.
Auf dieser Abbildung links sieht man ein weiteres Experiment: ich habe dort mein "Doppelgewebe" selbst hergestellt, indem ich die Vorderseite aus rot gefärbter Baumwollte auf eine Rückseite aus gelb gefärbter Baumwolle/Seide und Seide alleine in kleinen Quadraten gesteppt habe.
Ich will euch mit den vielen Varianten, die dieses Experiment ergeben haben, heute nicht langweilen. Für diejenigen, die sich für die Details interessieren, schreibe ich in den nächsten Tagen einen gesonderten Beitrag.

FÄRBEN VON VISCOSE UND SEIDE
Nur der Vollständigkeit halber soll hier erwähnt werden, dass es Farben gibt, die beide Fasern färben (z.B. Direktfarben wie Deka L). Damit erhält man bei einem typischen Devoréstoff eine Glanz/Matt- oder Hell/Dunkel-Färbung.
Überfärbt man eine solche Färbung mit Säurefarben (z.B. dampffixierbaren Seidenmalfarben), so bekommt man auf dem Seidenstoff (Rückseite und ausgebranntes Motiv) eine dunklere Mischfarbe.
Schließlich gibt es noch Alter Ego oder vergleichbare Farbsysteme: damit man färbt gleichzeitig in einem einzigen Färbegang die Pflanzenfasern und die Seidenfasern. Da sich die Farben dieser Systeme nur wenig gegenseitig beeinflussen, sind damit Kontrastfärbungen möglich.
Zusammen mit zusätzlichen Gestaltungsmöglichkeiten, wie dem Auftragen der Farbe mit dem Pinsel (Farbschattierungen), Pflanzenfärbungen und -drucke, Kreativfärbungen und Stoffdruck ergeben sich unendliche Variationen.
SCHAUT MAL!
Ein neues, modernes Beispiel für Dévorémode, das mir unheimlich gut gefällt, findet ihr hier.
ANLEITUNG
HIER







Kommentare:

  1. Toll, dass du mitmischst und dann noch mit dieser verrückten Ausbrennergeschichte. Ganz schlimme Verführung!!! In den 90igern war das ein ganz luxuriöses Teil, als ich das das erste Mal sah und irre teuer. Enorm, dass man es heute selbst fabrizieren könnte/kann. Besonders reizvoll finde ich die Webvariante.Dass damit Kunstschulen besonders gern experimentieren kann ich mir gut vorstellen.
    Vielen Dank fürs Mitlöchern und beste Grüße Karen

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    1. Das ist aber auch ein anregendes Thema, das du ausgewählt hast!
      Die experimentelle Variante beschreibe ich noch einmal in einem gesonderten Artikel, das wäre heute zu viel geworden...
      Vielen Dank für diese Aktion.
      Herzliche Grüße von Sabine

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  2. Wow, davon habe ich noch NIE etwas gehört, dass man das auch theoretisch selbst machen kann (also vielleicht eher im Sommer, das mit den Dämpfen schreckt mich etwas). Das merke ich mir sofort mal, ich habe ein großes Faible für Ausbrennerstoffe. Seufz.
    Danke fürs Zeigen!

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    1. Du hast recht: in meiner Anleitung morgen schreibe ich auch darüber, dass man das am besten im Freien und mit Maske macht. In den Anleitungen früher wurde nur die "gute Durchlüftung" des Raums erwähnt.
      Ich bin da etwas vorsichtiger und führe all diese chemischen Reaktionen, ob es sich um das Bügeln von Entfärbedruck oder Ausbrennerdruck handelt, im Freien durch.
      Danke für deinen Kommentar!
      Viele Grüße von Sabine

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  3. Das ist echt eine richtig interessante Technik, schön dass du das publizierst.
    Und ich bin auf deinen weiteren Blogeintrag sehr gespannt!
    Vor langer Zeit haben das die legendären Sew´n´Sushi für den Hausgebrauch getestet, vielleicht ist da auch für dich der ein oder andere Aspekt interessant:
    (Unter http://www.sewnsushi.de im Bereich der Sewing Secrets.)

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    1. Danke für den Hinweis, das muss ich mir gleich mal anschauen!
      Ja, diese Technik hat Potential, vor allem in Kombination mit Färben. Aber das Aktivieren durch Bügeln ist trickreich...
      Liebe Grüße von Sabine

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  4. Eine sehr interessante Technik, freue mich hier noch mehr dazu erfahren zu können.
    LG Ute

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    1. Eben habe ich die Anleitung fast fertig geschrieben, morgen steht sie hier.
      Danke für Deinen Kommentar!
      Liebe Grüße von Sabine

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  5. Vielen Dank für diesen spannenden Beitrag! Weder wußte ich bisher, wie die Ausbrennertechnik eigentlich funktioniert, noch daß man soetwas auch selbst machen kann. Da ergeben sich ja ganz neue Möglichkeiten. Ich bin schon auf deinen nächsten Post dazu gespannt!
    Liebe Grüße
    Marlene

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    1. Danke Marlene! Ich glaube tatsächlich, dass ich am Thema bleibe, weil sie so viele kreative Möglichkeiten bietet.
      Herzliche Grüße von Sabine

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